von Nele Jensch
Holpernd biegt der Shuttlebus von der Landstraße ab. Aus der ansonsten leeren Ebene vor uns erhebt sich ein gläserner Hanger in gigantischen Ausmaßen, grau in grau mit dem bedeckten Himmel. Er erinnert an die Kuppel eines gewaltigen Doms. Oder an ein in die Länge gezogenes Atomkraftwerk. Das ist das "Tropical Islands", Ziel unzähliger Ausflügler auf der Suche nach Spaß, Abwechslung und Erholung.
Während wir vor dem Eingang eine Zigarette rauchen, schleicht jeder für sich ein Stück weit um die riesenhafte Konstruktion herum, vorsichtig und ohne zu reden.
Ich erkenne Palmen, über denen Nebelschwaden wallen. Unter der Decke schwebt etwas, das wie ein Heißluftballon aussieht. Wir tauschen einen skeptischen Blick, zucken die Achseln und schultern unsere Taschen. Rein ins Vergnügen.
Diddlmäuse und Spreewaldgurken
Für die 21 Euro Eintritt bekommen wir einen Schließfachschlüssel in Form eines Armbands, das mit einem elektronischen Chip bestückt ist und die Information, dass wir bis Weihnachten bleiben können, wenn wir mögen. Wir sind tatsächlich in einer fremden Welt angekommen:
Rechts erhebt sich ein grüner Wall, bepflanzt mit Farnen und Orchideen im Großformat, und die einhundertzwanzigprozentige Luftfeuchtigkeit lässt uns die Haare zu Berge stehen. Links reihen sich Geschäfte mit Badelatschen, Ketten aus Holzperlen und rosa Diddlmäusen. Daran schließen sich die Restaurants an, in denen "landestypische" Gerichte wie Burger mit Pommes und Spaghetti Bolognese angeboten werden; Spreewaldgurken gibt es auch. Ein Hot-Dog Menü kostet acht Euro und erklärt so den Sinn des unbegrenzt möglichen Aufenthalts.
Am exotischsten sind die übrigen Besucher: Diejenigen, die sich am besten akklimatisiert haben, halten schon um vier Uhr nachmittags Cocktailgläser in den Händen. Sie tragen Bikinis und Badehosen mit wilden Mustern, Strohhüte und Sonnenbrillen, obwohl es draußen regnet. Und wenn es in Brandenburg regnet, scheint auch im "Tropical Islands" nicht die Sonne.
Geordnete Wildnis
In der ehemaligen Cargolifter-Werft hat eine malaysische Firma eine gigantische Kunstwelt erschaffen. Auf einer Fläche, auf die bequem der Potsdamer Platz passen würde, finden erholungssuchende Kurzzeiturlauber eine garantiert jugendfreie Disney-Version der Tropen: Regenwald, Strand, Palmen, Blumen und Vogelgezwitscher vom Band. Mit einem Ballon kann man für fünfzehn Euro unter die Hallendecke schweben, auf Wunsch auch liegend.
Es gibt eine Lagune, einen Wasserfall, Whirlpools und Wasserrutschen. Im Dschungelrundgang sind in regelmäßigen Abständen Notrufsäulen angebracht, vielleicht für den Fall, dass eine Boa Constrictor nichts ahnende Badegäste attackieren sollte. Dazwischen kenianische Hütten neben solchen aus Bali. Sauber und ordentlich. Ohne Mosquitos, ohne Bürgerkriege, ohne Tsunamigefahr. Ohne Probleme.
Aber auch im Paradies läuft nicht alles reibungslos: Die erwarteten Besucherströme bleiben bisher aus, 2008 rechnet die Geschäftsführung erstmals mit schwarzen Zahlen. Und in ökologischer Hinsicht ist der Südsee-Freizeitpark die reinste Katastrophe: Um Luft- und Wassertemperatur bei konstanten 31 Grad Celsius halten zu können, verbraucht das Vergnügungsbad ungefähr soviel Elektrizität wie eine Kleinstadt.
Culture-Clash à la carte
Wir liegen auf hölzernen Liegestühlen, lassen uns trocknen und lesen Zeitung. Solange man nicht nachdenkt macht es Spaß, das Pseudo-Paradies. Plötzlich einsetzende, hämmernde Musik lässt uns hochfahren. Dazu die dröhnende Stimme eines Ansagers: „Ladies and Gentlemen, lassen Sie sich jetzt von unseren Tänzern entführen: von Brasilien bis in den Orient, von Afrika bis nach Polynesien!“ Die Tänzer haben sich auf der Bühne in der „Südsee“ formiert, im Hintergrund eine triste graue Leinwand, die den Blick auf den Großraumparkplatz vor der Halle verwehrt.
Den Auftakt macht eine karibische Gruppe, die sich zu europäischer Popmusik im Kreis dreht. Die Männer schwingen Speere, die Frauen tragen knappe Bikinis und lächeln angestrengt. Der untere Teil der Bikinis besteht aus überdimensionalen Schleifen, die sich auch gut als Weihnachtsdekoration im KaDeWe machen würden.
Die folgenden Shows unterscheiden sich nicht wesentlich von der ersten: muskulöse junge Männer fliegen durch die Luft, hübsche Mädchen wackeln mit Hüften und Brüsten. Einige Mitglieder der „Kenia Rastas“ entdecke ich später bei der polynesischen Combo. Am Strand essen derweil die deutschen Besucher ihr Abendbrot à la carte, trinken Bier und schießen Fotos, auf denen sie ihre aufregende Begegnung mit der karibischen, südostasiatischen und afrikanischen Welt dokumentieren. Wo Entertainment groß geschrieben wird, braucht man keine Kultur.
„Ich würde gern mit euch über eure Arbeit reden“, sage ich zu einigen der Tänzer, die ich nach der Show an der Bar treffe. „Das geht nicht, da müssen wir erst die Chefin fragen“, erwidert eine junge Frau in gebrochenem Deutsch. Ohne Erlaubnis dürfen sie auch ihre E-Mail-Adressen nicht nennen.
Böses Erwachen
Nachts wird es ruhig, das Kindergeschrei verebbt, die meisten Besucher gehen nach Hause oder ins Hotel nebenan. Aber im Paradies gibt es tatsächlich keine Öffnungszeiten: Wer will, kann bleiben, so lange er möchte und wahlweise für 18 Euro im Zelt oder gratis "unter freiem Himmel" am Strand schlafen. Sofern er willens ist, die Scheinwerfer zu ignorieren, die statt romantischem Mondschein das nächtliche Tropen-Szenario erhellen.
Die Becken leuchten in einem sanften Türkis und aus Lautsprechern, die vermeintlich gut als Steine getarnt sind, dringt Grillengezirpe. Nur ein paar Teenager fläzen sich im Whirlpool oder kreischen auf der Rutsche. Der Schlüssel-Chip fungiert auch als Kreditkarte, was lästiges Geldsuchen in Badehosen-Taschen erspart und nebenbei gar nicht so richtig merken lässt, wie teuer die Cocktails eigentlich sind. Entsprechend sind die meisten, die noch wach sind, ziemlich betrunken. Das böse Erwachen erfolgt erst beim Verlassen des Bades, wenn der Chip zurückgegeben und die Rechnung beglichen werden muss.
Wunsch und Wirklichkeit
„An keinem anderen Ort lässt sich so gut studieren, was passiert, wenn die deutsche Sehnsucht der deutschen Wirklichkeit begegnet“, schrieb die Süddeutsche Zeitung über das "Tropical Islands". Und tatsächlich ist das Vergnügungsbad kein Ort, den man aufsuchen sollte, wenn man eine Konfrontation mit dem deutschen Alltag vermeiden will.
Es ist wie ein Stück Mallorca unterm Glasdach: Man isst, trinkt Alkohol, badet und versucht, nicht an zu Hause und die kleinen und großen Probleme dort zu denken. Überhaupt nicht zu denken, denn man hat jetzt Urlaub, man will sich entspannen und amüsieren. Und darauf hat man ein Recht, dafür hat man gearbeitet und bezahlt.
Lernen, wer und was die Tropen und ihre Bewohner sind, das wollen die Besucher hier genauso wenig, wie sich die besoffenen Horden am Ballermann für Dalí oder die ETA interessieren. Und fairerweise muss man einräumen: Sucht man tatsächlich nach einem authentischen Stück Südsee, wird einem das nicht leicht gemacht. An Ablenkung herrscht kein Mangel im "Tropical Islands". An Echtheit dafür umso mehr.
Links:
Homepage des "Tropical Islands Ressorts"
"Die Südsee in der Tonne." Artikel aus der Süddeutschen Zeitung
"Bora Bora im Spreewald." Artikel aus der Süddeutschen Zeitung
"Paradies oder Sündenfall?" Artikel aus dem Neuen Deutschland
Weitere Reiseberichte bei polar:
"A Walk Down The Broadway" von Inga Höltmann, Juli 2006
Nun ja....dieser Kommentar entspringt wohl aus dem unerklärlich deutschem Anspruch IMMER was zum Meckern zu finden...wir waren vor zwei Wochen dort...NATÜRLICH ohne den Anspruch dort eine Kultur der Tropen zu finden...oder sonstiges....sondern um uns einen schönen Tag mit Kindern zu machen..einfach mal ein wenig relaxen.
Dazu taugt dieses Konzept allemal !
Man kann ja als mündiger Verbraucher auch selbst entscheiden, ob man JEDES Angebot wahr nimmt oder nicht..genau so ist es wohl jedem bewusst, dass bargeldloses Zahlen IMMER die Gefahr birgt, die Kosten laufen zu lassen. Aber ist das die Schuld der Betreiber ? Ich sehe eher die Vorteile, dass ich nämlich innerhalb der Halle nicht auf mein Geld aufpassen muss..
Wenn man Tropical Island als das sieht was es ist, nämlich als das größte Spassbad in Deutschland dann macht es wirklich Spass !!
Vieeel Platz für Kinder...sauberes Wasser...genügend freie Liegen...einen tollen Saunabereich zum Entspannen...Aktionen die es Eltern ermöglichen MIT den Kids dorthin zu fahren und trotzdem mal für eine oder zwei Stunden in die Sauna zu gehen. Eine tolle Möglichkeit mal einen Kurzurlaub mit der ganzen Familie zu machen und vom Wetter unabhängig zu sein. Meinen Kids (6 und8) hat es übrigens super gefallen !!
Eine lockere Atmospäre und einfach mal was anderes..wer vom Besuch eines Spassbades eine kulturelle Erleuchtung erwartet, der erwartet auch von einem VW Golf Platz für 7 Personen.
Der einzige echte Kritikpunkt der uns aufgefallen ist, wenn schon dann der doch sehr laute Geräuschpegel innerhalb der Halle...da müssten sich die Betreiber doch was einfallen lassen...evtl. mit Geräuschdämmung der Halleninnnwand...aber man kann eben nicht alles haben.
Ansonsten kann ich auch nur raten: Lieber selbst ein Bild machen...und nicht alles glauben was geschrieben steht.
Stefan Schwarzer
Dortmund