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Rubrik Gesellschaft

Tatverdacht Teebeutel


(JPEG) Wie unterschiedliche kulturelle Konnotationen zu einem ausgewachsenen Konflikt mit dem Gesetz führen können. Eine Lach- und Sachgeschichte.

von Nele Jensch

Vor einigen Tagen fand ich morgens beim Aufstehen einen Brief, den meine Mitbewohner fürsorglicherweise unter meiner Zimmertür hindurch geschoben hatten. Noch etwas verschlafen las ich den Absender und stellte überrascht fest, dass es sich dabei um das Hauptzollamt München handelte. Da ich meines Wissens nach noch nie in Bayern und in letzter Zeit auch nicht im Ausland gewesen bin, ließ mich diese Tatsache stutzen.

Nachdenklich wog ich den Brief in der Hand und überlegte, ob ich mich dem Inhalt schon vor dem Frühstück stellen sollte. Der Brief war ziemlich schwer, was selten Gutes verheißt, und sah außerdem verdächtig nach erheblichen bürokratischen Bemühungen nicht nur des Absenders, sondern auch für den Empfänger aus.

Deutsche Gründlichkeit zum Frühstück

Ich überwand meine Unschlüssigkeit und öffnete das Schreiben. Prompt stellte sich meine Skepsis als begründet heraus: "Ich habe gegen Sie ein Strafverfahren wegen des Verdachts eines Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetzt eingeleitet", lautete der erste Satz. Ich fiel aus allen Wolken: Abgesehen vom Wein, in dem bekanntermaßen Wahrheit liegt, habe ich mit Drogen fast genauso wenig zu schaffen wie mit Bayern. Gespannt las ich weiter. Stein des Anstoßes waren 202 Teebeutel mit Mate de Coca-Tee der Marke Windsor. Diese hätten sich in einem an mich adressierten Paket befunden, aufgegeben in Sucre, Bolivien, das im Rahmen einer zollrechtlichen Kontrolle geöffnet und überprüft worden sei.

"Der Cocatee ist einfuhrverboten gem. § 29 BtmG. Die Betäubungsmittel wurden als Beweismittel sichergestellt." Das waren die letzten Worte eines namenlosen Zollbeamten an mich; ich konnte sein empörtes Schnauben förmlich hören. Offenbar hatte ihn der Tee sehr erbost: Aller beim ordentlichen Zählen der Beutel unter Beweis gestellten Gründlichkeit zum Trotz, hatte er für die Kürze des Briefes erstaunlich viele Kollisionen mit der deutschen Rechtschreibung zu verbuchen und sogar seine Unterschrift vergessen. Ich konnte ihn gut verstehen. Nachdem ich den Brief gelesen und mich mit den zahlreichen angefügten Formularen vertraut gemacht hatte, schnaubte ich ebenfalls.

Ordnung muss sein

(JPEG) Lange zu grübeln brauchte ich nicht, um mir darüber klar zu werden, dass ich vor einem ernsthaften Konflikt mit dem Gesetzt stand. Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz, damit war nicht zu spaßen. Auch wenn der Konsum sämtlicher Beweismittel auf einmal kaum eine größere Betäubung zur Folge hätte als die Einnahme zweier Baldriantabletten — Gesetz ist Gesetz. Da spielte es auch keine Rolle, dass mir besagtes Paket von zwei Freunden geschickt worden war, die ein halbes Jahr in Bolivien verbracht und nicht alle ihre sieben Sachen im Flugzeug hatten unterbringen können. Weshalb sie in Ermangelung einer eigenen Anschrift in Deutschland, ganz ohne böse Absicht und näherer Angabe des Inhalts, auf meine Adresse zurückgegriffen hatten.

Der deutsche Staatsbürger obliegt der Informationspflicht. Wer nicht weiß, ob er mit einer Handlung gegen ein geltendes Gesetz verstößt, sollte sie demnach lieber unterlassen — das gilt auch für die Annahme von Paketen. Jetzt war ich nicht mehr allein auf den namenlosen Zollbeamten böse, der mir das Frühstück verdorben hatte, sondern auch auf meine verantwortungslosen Freunde und meine eigene Unbedarftheit.

Soweit waren meine Überlegungen und Emotionen gediehen, als mir einfiel, mich der Fairness halber auch mit der anderen Seite auseinander zusetzen, mit dem Herkunftsland meines Paketes also. Der Logik der deutschen Behörden zufolge war es dort anscheinend vollkommen legitim, sich den lieben langen Tag über unter Drogen zu setzen, zumal die "Betäubungsmittel" offensichtlich maschinell hergestellt und in der normalen Handelskette vertrieben wurden.

Ausflug in die Anden

Folgendes fand ich heraus: Bolivien ist ein kleines Land hoch oben in den Anden. In der Hauptstadt La Paz, die sich zwischen die schneebedeckten Gipfel der höchsten Berge duckt, kann man an bedeckten Tagen die Wolken berühren. Wer sich diese schwindelerregenden Höhen heraufgekämpft hat, wird erst einmal nach Luft schnappen: Das Atmen bereitet einige Mühe in der Nebelwelt der Anden, weil die Luft auf einer Höhe von über 3000 Metern nur noch wenig Sauerstoff enthält. Mehrere Tage dauert es, bis sich der menschliche Organismus darauf eingestellt hat, während derer Treppensteigen zur sportlichen Herausforderung, Kopfschmerz zum ständigen Begleiter und Schlafen zur Unmöglichkeit wird. Allerdings ist gegen die Höhenkrankheit ein Kraut gewachsen: Ein Cocatee mildert die Symptome beträchtlich ab.

Bolivien ist die finanzschwächste Nation des südamerikanischen Kontinents, arm an Exportgütern, aber reich an Traditionen und Träumen. Gut zwei Drittel der Bevölkerung sind Indigene, Angehörige der Indianervölker Quechua, Guaraní und Aymara. Viel von ihrer ursprünglichen Kultur haben sie bewahrt, wenn auch durchmischt und transformiert durch Einflüsse der spanischen Eroberer und ihrer Nachfahren. Eine ihrer Traditionen ist im Ausland eine Art Sinnbild für ganz Bolivien geworden: Das Kauen von Blättern der Cocapflanze. Dadurch lassen sich Hunger und Müdigkeit vertreiben — ein Trick, ohne den die harte Arbeit in Boliviens berüchtigten Bergwerken kaum zu überstehen wäre.

"Coca Sí, Cocaína No!"

(JPEG) Seinen schlechten Ruf in der westlichen Welt hat die Cocapflanze einer verhältnismäßig neuen Nutzungsart zu verdanken: Sie liefert den Grundstoff zur Herstellung von Kokain, einem Derivat von Coca, das auf chemischem Wege hergestellt wird. Seinen Hauptabsatzmarkt findet die Droge allerdings nicht in Bolivien selbst, sondern vornehmlich in den USA und Europa. Aufgrund dieser Tatsache mussten die Cocabauern Boliviens lange Zeit damit leben, dass ihre Ernte in regelmäßigen Abständen von Polizei und Militär vernichtet wurde. Großzügiger Sponsor dieser "Drogen"vernichtung waren die USA. Dass den Bauern damit die Lebensgrundlage entzogen wurde, interessierte nicht weiter. Auch in Bolivien ist Gesetz nun mal Gesetz.

Seitdem seit Anfang 2006 der Sozialist Evo Morales Präsident des Andenstaates ist, haben sich die Verhältnisse geändert. Morales ist selbst Angehöriger des Aymara-Volkes und war lange Zeit Führer der Gewerkschaft der Coca-Pflanzer. Überraschend ist es da nicht gerade, dass er im Gegensatz zu seinen Vorgängern die Cocapflanze auch hinsichtlich ihrer sozio-kulturellen Relevanz betrachtet. "Coca Sí, Cocaína No!"("Ja zu Coca, Nein zu Kokain") — in Boliviens Coca- und Drogenpolitik hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Morales will den Drogenhandel weiterhin scharf verfolgen, den Anbau an sich hingegen legalisieren und die Cocapflanze zum andinen Kulturerbe erklären.

Seit Jahrtausenden spielt Coca eine wesentliche Rolle innerhalb der Religion von Quechua und Aymara. Bereits ihren Vorfahren, den Inka, deren Reich sich über weite Teile der heutigen Länder Ecuador, Peru, Kolumbien, Chile, Argentinien und eben Bolivien erstreckte, galt Coca als Geschenk der Götter, das innerhalb bestimmter Riten den Kontakt mit dem Übernatürlichen ermöglichte. Noch heute werden Cocablätter der Pachamama, der Erdmutter, geopfert. Coca besitzt auch soziale Funktionen: familiäre oder freundschaftliche Kontakte werden durch den Austausch von Coca intensiviert und gestärkt und die Annahme bzw. Ablehnung von Coca gilt als Zu- oder Absage bei Heiratsanfragen.

Und die Moral von der Geschicht`...

Unter der Flut der Informationen vergaß ich beinahe meinen Ärger: Ganz offensichtlich handelte es sich bei meinem scheinbaren Vergehen schlichtweg um ein kulturelles Missverständnis! Ich dachte darüber nach, dem Hauptzollamt München eine Liste mit den Links zu schicken, die ich in der letzten halben Stunde durchforstet hatte, verwarf den Gedanken jedoch wieder: Zollbeamte sind sicherlich viel zu beschäftigt, um im Internet zu surfen.

Also betrachtete ich mein Problem mit westlich-abendländischer Rationalität. Das Ergebnis war beruhigender als erwartet. Erstens: Nicht einmal mit sehr viel Mühe und Fantasie lässt sich aus 202 Teebeuteln Mate de Coca eine ordentliche Prise Kokain herstellen — der Alkaloid-Gehalt ist dazu viel zu gering. Ergo fiel mein Verbrechen zumindest nicht in den Bereich der organisierten Drogenkriminalität.

Zweitens: Die Coca-Cola-Company bestreitet zwar die Verwendung von Coca, ist aber im Besitz einer Sondergenehmigung zur Einfuhr und Verarbeitung von Cocablättern aus Peru und Bolivien. Trotz dieser Ungereimtheiten darf Coca Cola seine Produkte ganz legal absetzen — auch in Deutschland. Sollten für Wirtschaftsriesen etwa andere Gesetze gelten als für Normalsterbliche? Zur ernsthaften Befürwortung einer solch ungeheuerlichen Annahme war mein Zweifel am deutschen Rechtsstaat glücklicherweise noch nicht weit genug fortgeschritten.

Eine Lehre allerdings habe ich aus der ganzen leidigen Geschichte gezogen: Ich öffne meine Post jetzt grundsätzlich nach dem Frühstück. Am liebsten bei einer Tasse Tee, Made in Germany.

Links

-  Indymedia: Coca, Heiligtum der Anden

-  Lateinamerika Nachrichten: Koka als normales Handelsgut

-  Freitag.de: Coca-Blatt für den Botschafter

Stand: 15. November 2007

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Kommentare

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BRIO:
Da guck...und ich habe die Teebeutel die mein Vater immer von seinen Geschäftsreisen aus Peru und Bolivien mitbrachte, damals bei mir auf der Schule sogar "gedealt", nachdem wir herausfanden das die Konzentration mit Coca Tee während einer Klassenarbeit deutlich steigt und sich bessere Leistung und dadurch auch Noten erzielen ließen... Ich wusste zwar das es praktisch unmöglich war aus dem Tee Kokain zu gewinnen, da man wirklich massenhaft Blätter für ein Grämmchen braucht, aber nicht das der Tee auch verboten war. Mate de Coca ist jedenfalls der effektivste Tee den ich kenne und sollte klar von der Droge Kokain differenziert werden. Zudem ist er auch eine gute Alternative zu Kaffee und man würde auch die bolivianische Wirtschaft im legalen Sinne etwas ankurbeln. Wer schon mal in Bolivien war, weiß das die Möglichkeiten stark begrenzt sind und warum sollten die ihren Tee nicht weltweit vertreiben können ? Dann dürfte auch kein Stoff, Papier,Öl oder sonstiges aus Hanf hergestellt werden, oder ? Morphium oder andere Opiate gäbe es in Krankenhäusern auch nicht, weil ja aus dem Schlafmohn hergestellt... Vollkommener Schwachsinn Mate de Coca zu verbieten und mit Kokain auf eine Stufe zu stellen, man raubt armen Völkern mal wieder das Letzte was die überhaupt noch haben und im Endeffekt ist alles nur ein großes Schauspiel. Die USA bekämpfen den Kokain Drogenhandel mit mehreren Millionen Dollars im Jahr, machen aber Milliarden dran und wollen die gar nicht wirklich weg haben, genauso wenig sollen die Blätter als Tee verkauft werden, wenn man Kokain daraus machen kann, aber das dann hinter verschlossenen Türen und unter völliger Kontrolle. Verkehrte Welt...


AagePK:

Nach zwei Jahren müßte doch einen Zusatz-Bericht über den rechtlichen Endeffekt erscheinen, oder? Also der arme Zollbeamte konnte ja nicht anders. Aber warum Sie, und nicht die Absender vor dem Richter geladen wurden, verstehe ich also gar nicht.

Mate de coca steht bei mir grundsätzlich fast täglich auf den Tisch, wenn auch in Form von Trimate, mit Kamille und Anis vereint. Dazu habe ich mir Coca-Karamellen besorgt. Die sind sehr hilfreich bei Herzrasen und andere Herzprobleme, die mich in den vorgerückten Ruhestand gebracht haben.

Übrigens: Coca enthält so viel Eisen und Calcium, Aminosäuren und Vitamine,A und E, daß es für die Indigenas unetbehrlich ist. Es ist also viel mehr ein Nahrungs- als Genusmittel.




Max:

Aus dem Artikel geht nicht hervor, wie sich der Autor nach dem Erhalt der Post vom Zoll verhalten hat und welche rechtlichen Konsequenzen sich daraus ergeben haben. Damit die "Lach-" auch eine "Sachgeschichte" wird, wäre dies wichtig zu wissen, damit der geneigte Konsument für den Fall, dass er selbst einmal überraschend Tee aus Südamerika zugeschickt bekommt, entsprechende Handlungsempfehlungen daraus ableiten kann.

MfG

Max




Tilman:

Vor einiger Zeit hab ich mir in einem peruanischen Restaurant in Deutschland einen Kokatee bestellt. Ich war schon etwas überrascht, dass sich das auf der Karte findet, der Kellner war völlig verdutzt als ich nachfragte ob es denn nicht illegal sei. Nun kann ich nur hoffen, dass die Drogenfahndung dort nicht einfällt. Wenn es das Restaurant bald nicht mehr gibt weiß ich jedenfalls warum.

Naja, für den Geschmack lohnt sich jedenfalls kein btmg-Verstoß. Schmeckt grasig und eher fad. Sonderlich wach hat er mich auch nicht gemacht.

Noch viel Glück mit dem Zoll-Unsinn. Kann man nur hoffen, dass das schnell eingestellt wird. Geld kosten wird es vermutlich trotzdem aber müssen dann eben die .. ähm.. naiven Freunde zahlen.




M.:

Wenn es sich bei Cocablättern um eine nach dem BtmG verbotene Substanz handelt, dann hat ein Zollbeamter, der dem Legalitätsgrundsatz unterliegt, gar keine andere Entscheidungsmöglichkeit als ein Ermittlungsverfahren einzuleiten. Letztendlich entscheidet irgendwann mal ein Staatsanwalt wie die Sache mit den 202 Cocateebeuteln weitergehen soll.

Daher wäre es interessant zu wissen, wie die Sache ausgegangen ist. Ich vermute das Verfahren wurde sogar in Bayern wegen Geringfügigkeit eingestellt?




:
Vielen Dank für Ihren amüsanten Artikel. Als Asthmatiker mit den entsprechenden Erfahrungen über Kosten und zum Teil abscheuliche Gesamtwirkung der gängigen Medikamente leider sehr vertraut, finde ich Dinge wie Mate de Coca hochinteressant Als ich mich als junger Mensch (noch ohne die Diagnose "Asthma") eines Tages auf Tournee- ich bin Musiker- hoch droben in Ecuador in Schwierigkeiten fand, half mir ein Tee, den man mir verabreichte außerordentlich- wird wohl etwas derartiges gewesen sein, jedenfalls aber wirksam. Keineswegs berauschend, aber sehr erleichternd. Toll finde ich die staatlich bevorzugte Praxis, lieber ohnedies überforderte Krankenkassen für ungenügende aber teure Medikamente bezahlen zu lassen, als Forschungen bezgl. altbekannter Naturheilmittel zu fördern, die es für das sehr altbekannte Asthma- Leiden und auch vieles andere ja gibt. Aber Gott soll Abhüten: Am Ende ließe sich die Lösung des Problems ja gar in meinem Garten finden! Einen solchen Verlust für die Pharmaindustrie zuzulassen, wäre in der Tat unverantwortlich! lg, gs


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